Montag, 20. Dezember 2010

Auf der Suche nach dem perfekten Strand (Calaguas, Philippinen)

"Are you sure you want to get off in this Barangay?", fragt mich der Busbegleiter noch einmal, bevor ich den Bus aus Manila in Talobatib verlasse. Kein Wunder: Talobatib ist kaum mehr als ein Weiler, ein kleines Nest an einer Strassenkreuzung. Aus den fragenden Blicken der Dorfbevoelkerung schliesse ich dann auch, dass hier wohl noch nicht viele Touristen aus dem Bus gestiegen sind...
Ich muss nicht lange an der Kreuzung warten, bis ein lottriger Lokalbus vorbei kommt, der nach Paracale faehrt. Es geht vorbei an ausgedehnten Reisfeldern. Die meisten davon sind bereits abgeaerntet und schlammig braun. In anderen ziehen Wasserbueffel Pfluege hinter sich her und in schon gereinigten Feldern, reflektiert das die Felder bedeckende spiegelglatte Wasser die die Felder umgebenden Palmenhaine. In ein paar vereinzelten Feldern werden bereits wieder die neuen Reispflaenzchen herangezuechtet und die kleinen Felder strahlen im frischen knalligen Gruen des jungen Reises. Immer wieder stoppt der Bus, es steigen Leute ein und aus. Immer wieder von neuem staunenden Blicke. Nach weniger als einer Stunde erreichen wir Paracale, das Fischerdorf, das nicht einmal ganz so klein wie erwartet ist. Ohne gross einen Plan zu haben schlendere ich herum, zum Hafen, wieder zurueck und frage dann ein paar vor einem Shop sitzende Frauen nach den Booten nach Calaguas. Nein, heute fahre sicher keines mehr, heisst es. Es ist zu spaet. Und morgen gibt es wahrscheinlich auch kein Passagierboot in das Doerfchen auf der Insel. Aber es lasse sich sicher ein Fischerboot auftreiben, das mich uebersetzen kann, wenn ich dies denn wirklich wolle: das Meer sei rauh, und auf der Insel gaebe es schliesslich kein Strom, kein Internetzugriff, kein Handyempfang! Und ich haette ja sicher mein Laptop dabei, den koenne ich dort ja gar nicht brauchen... :) Ob ich denn wirklich da hin wolle? Und wieso? Immer mehr Leute scharen sich um mich, Kinder vor allem, und kichernde Teenies, aber auch ein paar der Dorfaeltesten, welche bald anfangen, mich in Englisch auszufragen und meine Antworten dann in Philippino der neugierigen Horde wiedergeben. Woher? Wohin? Wieso? Immer wieder wiederholt der Alte meinen Namen, und "Switzerland", wenn neue Neugierige dazu stossen. Bald wird laut diskutiert, und jeder scheint alles besser zu wissen. Worum es genau geht kann ich nur erahnen, wenn das Wort "bangka" (Boot) faellt, und Zahlen in Englisch oder Spanisch (Philippinos brauchen fuer Zahlen meist die Englischen oder Spanischen Bezeichnungen). Dora, eine der Frauen die ich urspruenglich angesprochen hatte, fordert nun die Menschenmenge auf, zu verschwinden, und fuehrt mich zum einzigen Hotel des Dorfes, welches sich erstaunlicherweise als ein richtiges, kleines, in die Jahre gekommenes Resort (mit Pool!) am Rande von Paracale entpuppt. Schnell wird ein Zimmer geputzt und vorbereitet, bis dann Marvin, der Neffe von Dora, Einspruch erhebt und meint, ich wuerde doch besser irgendwo im Dorf wohnen, hier draussen waere ich so alleine nachts, weil keine anderen Gaeste da sind. Also fuehrt mich die Hotelbesitzerin dann zu ihrem Haus im Zentrum, wo ich gleich ein ganzes Stockwerk bewohnen darf. Von nun an kuemmern sich Dora, Marvin und die ganze Familie total lieb um mich. Ich werde von Monique, Marvins Schwester, und einer Cousine zum Nachtessen begleitet. ...verfolgt von einer Horde Kinder, welche immer wieder "Amercano, what's your name? Amercano!!" rufen.
Am naechsten Morgen werde ich von Dora geweckt und zum Haus der Familie gebracht, wo mir nun auch Mario, Marvins Vater, vorgestellt wird. Mario werde mir helfen, ein Boot zu finden und einen fairen Preis auszuhandeln, und wird zum Hafen losgeschickt. In der Zwischenzeit mache ich mich mit Monique auf Einkaufstour: Auf der Insel gibt es nichts zu kaufen, ich muss Wasser und mein Essen mitbringen. Als ich zurueck komme ist ein Fischer mit Boot gefunden, der sich bereit erklaert hat mich zum Mahabang Buhangin, dem "Long Beach" der Insel zu bringen. Mahagang Buhangin, so heisst es, sei so schoen wie der "White Beach" von Boracay, der wohl touristischsten Insel des Landes, voller Resorts und Rambazamba. Auf der Tinaga Insel, die zur Gruppe der Calaguas Inseln gehoert, gibt es hingegen weder touristische Infrastruktur, noch Bars, noch Horden von Menschen. Kein Wunder: die Insel hat noch nicht einmal den Weg in die Bibel der Traveller, den Lonely Planet gefunden!
Bald sitze ich in der kleinen Bangka, zusammen mit Marvin und Mario, die spontan beschlossen haben mich zu begleiten. Monique hat Angst vor den Wellen und bleibt zuhause... Wir fahren die letzten Meter aus der Flussmuendung heraus, vorbei an goldwaschenden Maennern und winkenden Kindern, hinaus aufs offene Meer. Tatsaechlich werden wir hier nun ziemlich durchgeschuettelt, und mehrmals waere das schmale Boot wohl gekippt, waere es nicht landestypisch mit Bambusstangen in die Breite gestuetzt. Wir sind nach kurzer Fahrt bereits plitschnass von Kopf bis Fuss. Nach einer Stunde Fahrt tauchen am Horizont die ersten Inselchen der Calaguas Gruppe auf und nach zwei Stunden erreichen wir Tinaga. Das Wasser in der Bucht strahlt tuerkisblau und ist wieder ganz ruhig.
Die Insel ist ein Traum, der Strand lang, weiss, puderzuckerfein und fast menschenleer. Nur eine kleine Gruppe Philippinos aus Manila hat noch den Weg hierher gefunden. Schnell ist ein geeignetes Stueck Strand gefunden und mein Zelt aufgestellt. Und fuer heute Nacht gehoert die Insel uns ganz alleine! Es ist kaum zu glauben, dass so ein Ort noch so unberuehrt existiert, und es bleibt zu hoffen, dass dies noch lange so bleibt...
Doch, so werde ich belehrt, wurde bereits ein Drittel des Strandes von den Besitzern von Boracay fuer ein Butterbrot aufgekauft...

Montag, 12. April 2010

Das Verschwinden der Ameisenkönigin

Wir sind die fleissigsten Europäer. So steht es heute in der Zeitung geschrieben. Nirgendwo sonst in Europa wird mehr gearbeitet als hier. Und wie fleissige Ameisen krabbeln wir morgens und abends aus den Zügen, um auf den unsichtbaren Ameisenstrassen mit hundert anderen durch die Gänge und Hallen des Bahnhofs, unseres Ameisenhaufens, zu wimmeln. Einer schneller, fleissiger, als der andere. Einen freudlosen Ausdruck auf dem Gesicht haben wir meist, ernst in die Leere starrend, oder aber gestresst auf unsere überpünktlichen Armbanduhren blickend.

Auch ich bin zu einer Ameise geworden. In einem Ameisenstaat geht es nicht anders.
Kürzlich huschte ich wieder einmal aus dem Zug. Da drangen vertraute Klänge zu meinem Ohr hinüber, aus einem der verwinkelten, grauen Gänge des Ameisenhaufens. Ich näherte mich der Quelle des Klangs, doch ich spürte, wie mein innerer Antrieb mich vorwärts stossen wollte, zum Tram, zur Arbeit. Doch das Ameisendenken begann zu schwinden und bewusst schaltete ich meinen Instinkt aus. Wieso sollte ich auf das nächste Tram hetzen, wenn in zehn Minuten wieder eines fährt? Was sind schon zehn Minuten? Die Musik stammte von Los Yukas, Strassenmusiker aus Peru, Argentinien, Kuba, Brasilien... Das fröhliches Geigengefiedel, dazu Gitarrenklänge, das raue Ratschen der Güira, der Beat der Bongos, das flüsternde Rascheln, das nur kubanische Maracas erzeugen, die lebensfrohen Stimmen der Sänger – es war ein grandioses Zusammenspiel! Ein breites Grinsen zeichnete sich ab auf meinem Gesicht. Der graue Nebel, der sich wie draussen auf den kalten Strassen in meinem Inneren ausgebreitet hatte, begann sich zu lichten. Es war, als ob der erste Sonnenstrahl nach langer Dunkelheit durch die Ritzen einer Wand ins Innern eines dunklen Raumes scheinen würde. Ich spürte sogleich mein Herz frohlocken. Das kleine Flämmchen in meinem Innern, das nie jemand hatte auslöschen können, begann von neuem zu lodern. Und da war es wieder: Dieses Gefühl, dieses Verlangen, diese Unruhe, dieser Drang einfach aufzubrechen und alles hinter mir zu lassen. Dieses Reissen im brennenden Herzen, das schmerzhafte Zerren in der Brust, das einen aufzufressen scheint. Es ist diese Gier nach dem Unbekannten, diese Sucht nach Freiheit, das Bedürfnis nach Erlebnissen und Abenteuern, das Streben nach stetigem Aufbruch ohne je ankommen zu wollen. Traumsuche, Fluchtsucht, Reisefieber. Eine Krankheit? Ein Gift ohne Gegengift. Kann man sie heilen? Will ich sie überhaupt heilen? Fernweh ist Segen und Fluch zugleich. Und stärker als jedes andere Gefühl, das mich aufhalten könnte.
Ich wusste genau, wieso diese Gefühle jetzt wieder in mir aufzusteigen begannen. Erinnerungen wurden wach, an damals, als im Hotel im kleinen Nest am Tor zum Amazonas der gleiche Rhythmus von draussen in das spartanische Zimmer hereindrang und ich Tage später auf einem kleinen Kutter die Freiheit geniessen durfte, langsam auf dem Fluss der Flüsse dümpelnd, weit weg von Zivilisation und Stress.

Ein winziges Tränchen kullerte in dem Moment aus meinen Augen. War es Schmerz, Trauer, Verzweiflung, Nostalgie, Freude oder Hoffnung?

Schlagartig wurde ich aus meinen Tagträumen zurück gerissen. Ich verwandelte mich wieder zur Ameise im Ameisennest. Es war kalt draussen. Und ich musste zur Arbeit. Die schönen Fotos im Schaufenster des Reisebüros, an dem ich vorbei hetzte, der Duft von Kiwi und Mango auf dem Wochenmarkt, der Dunststreifen eines Flugzeuges am Himmel, ja sogar die auffliegende Taube, dies alles machte es nur noch schlimmer. Alles und alle schienen mir zu sagen: Pack deinen Koffer! Mach dich auf den Weg! Brich auf! Ab in die Welt! Am Ende der Strasse der Mexikaner: Hier kehren die einen aus Heimweh ein, die anderen aus Fernweh. Ich vielleicht ein bisschen wegen beidem.

Wie bei einer Ameise, die immer mehr den Drang verspürt, auf hohe Grashalme, Hügel oder Bäume zu klettern, wuchs das Verlangen auch bei mir.
Sollte mich demnächst jemand vermissen, macht euch keine Sorgen. Auch Ameisen können fliegen!

Samstag, 13. März 2010

Fotos Indien

Indien

Erste Streifzüge durch Delhi (Delhi, Indien)

Ich spaziere vom Roten Fort zur grossen Moschee Jamia Masijd und kämpfe mich durch das Gewusel aus Rikschas, Autos, Fussgängern, Hunden, Bussen, und lotterige Pferde- und Handkarren. Lärm, Dreck und Chaos prägen das Bild der Stadt. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren, und so wird die einfache Aufgabe eine Strasse zu überqueren hier zu einer grossen Herausforderung. Ich mache es wie die Inder und laufe langsam, nicht rennend, los - herzklopfend und mit einer vorgespielten Gelassenheit wohl, doch tatsächlich kurven alle Fahrzeuge stinkend und hupend geschickt an mir vorbei.
In den Gassen von Old Delhi riecht es mal wohltuend nach Räucherstäbchen und Gewürzen, oder verführerisch nach Chai-Tee, dann nach vergammeltem Müll, Kot und Abgasen. Über mir hängt ein Gewirr aus Elektrokabeln und Telefonleitungen, am Boden bahnt sich robbend und in verrissenen Kleidern ein mausarmer Krüppel seinen Weg und vor mir glitzert das Gold, Silber und die Steine in den Schaufenstern der Juweliergeschäfte. Es vergeht denn auch keine Minute, in der mir niemand etwas verkaufen will. Es werden Schmuck, Saris und Esswaren angepriesen. Die Verkäufer verfolgen einen regelrecht, und obwohl ich einfach weitergehe, darf ich mir jeweils trotzdem das ganze Sortiment des Verkäufers anhören, es könnte ja sein, dass ich doch irgendetwas kaufen will. „Madam, silk scarf, madam, nice cotton trouser, very good price, Indian price my friend, eighty rupies only, wanna buy Punjabi dress? Saree?... Madam... Madam?? Come, see my shop! Wanna look? Looking no money, m'am. Madam? Madaaaam? No, M'am?...“
Es wäre nicht Indien, das Land der Gegensätze, wenn sich inmitten dieser Hektik nicht auch irgendwo ein bisschen Ruhe finden liesse. Auch im 12-Millionen Ungetüm Delhi findet man inbrünstige Religiosität und Spiritualität an jeder Ecke, und so gibt es auch in Delhi eine Menge Tempel, Oasen der Ruhe, der verschiedenen Religionen.
Ein grosses Hakenkreuz ziert den Eingang zum Tempelgelände der Jain. Dieses hierzulande verpönte „rassistische“ Symbol, ist hier allgegenwärtig. Swastika ist Sanskrit und bedeutet etwa „das Heilbringende“, ein Symbol für Wissen, Glück, Wohlstand und Erfolg. Der Jain Tempel ist leider gerade geschlossen, doch findet sich auf dem Gelände auch ein Vogelkrankenhaus, wo invalide Tauben gesund gepflegt werden. Es repräsentiert das oberste Gebot der Jain Anhänger, den Respekt aller Lebewesen. So leben Jains streng vegan, und wer denkt, mundschutztragende Inder würden dies wegen dem Smog oder drohender Schweinegrippewelle tun der irrt. Wahrscheinlich gehört derjenige der Jain Religion an und trägt den Mundschutz um nicht versehentlich ein Insekt zu verschlucken (und zu töten). Um das Tempelgelände zu besuchen, müssen denn nicht nur wie üblich die Schuhe draussen bleiben, sondern es darf auch kein Leder (z.B. Gürtel, Tasche) getragen werden.
Weiter zu den Baha'i, deren Tempel aus Marmor die Form einer Lotusblüte hat, und aussieht wie eine Mischung aus dem Opernhaus von Sydney und einem UFO. Hunderte Menschen stehen Schlange um eingelassen zu werden. Im Andachtsraum, eine lichte, grosse Halle, ohne Altar oder ähnlichem, in dem striktes Sprechverbot herrscht und auch keine religiösen Zeremonien oder Predigten stattfinden dürfen, sind Menschen aller Religionen und Rassen willkommen. Nur zu stiller Andacht und Gebet wird hier eingeladen – zu welchem Gott auch immer. Die Baha'i sind nämlich der Meinung, dass alle Religionen eigentlich ein und den selben Gott verehren. Die Grundsätze, die die Einheit der Menschen fordern, die Gleichberechtigung aller Menschen und den Weltfrieden, hören sich gut an, auch Auffassung von Baha’u-Illah: „Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“ Wenn das nur alle so sähen... Draussen treffe ich Sheela, Bahai Anhängerin aus dem Iran. Sie erzählt unverständig, wie in ihrem Heimatland, dem Ursprungsland auch der Bahai Religion, die Anhänger eben dieser Religion noch heute verfolgt werden, "obwohl wir doch auch an den gleichen Gott glauben".
Anschliessend führt mich meine Tour der Religionen zu einem Tempel der Sikhs. Im Inneren des Tempels, den ich betrete, nachdem ich meine Schuhe ausgezogen, meine Hände und Füsse gewaschen und mein Halstuch über den Kopf gelegt habe, knien Männer im Turban und bunt verschleierte Frauen nieder zum Gebet. Sikhs dürfen sich die Haare nicht schneiden, und so verschwinden sie unter dem Turban. Ein Priester macht irgend eine Zeremonie, von der ich noch das Ende sehe, und irgendwo blinkt wie in einem Spielcasino abwechselnd in rotem und blauem Neonlicht das Schriftzeichen Om, dieses mystisches Symbol für göttliche Energie. Eine dreiköpfige Band spielt Musik, die wie eine Mischung aus dem Gebetsgesang eines Muezzins und einer Schnulze aus einem Bollywood Song klingt. Ich geniesse den Moment total, komme etwas zur Ruhe und habe zum ersten Mal das Gefühl, dass nun nicht nur mein Körper sondern auch meine Seele in Indien angekommen ist.