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Donnerstag, 26. März 2009

Piranha zum Fruehstueck (Trinidad, Bolivien)

“Mein” Schiff ist keiner der bunt bemalten Holzkutter, wie man sich ein Amazonasschiff vorstellt, und wie ich sie im Hafen von Puerto Villarroel gesehen habe. Es traegt auch keinen der romantisch klingenden Namen, wie Ulises, Lolita oder Gaviota – Moewe... Nein, “mein” Schiff ist grau, aus Metall und nennt sich TNR-09. Und so wie das klingt ist es auch: militaerisch! Eine Kriegsmarine ohne Meer beschaeftigt sich unter anderem damit, abgelegene Regionen des Landes mit Diesel und Benzin zu versorgen. Und so schieben wir einen grossen Oeltank vor uns her, eine weitere Plattform im Schlepptau, auf dem Weg von Puerto Villarroel nach Trinidad. 570’000 Liter Benzin und Diesel.

Tage zuvor: In den Dorfkneipen ersetzt laute brasilianische Forró-Musik die sonst fuer diese Region typische Cumbia-Villera. Das Dorf scheint dem im mehr als 1’300 KM und mindestens 10 Tage Flussfahrt entfernten Brasilien naeher gelegen zu sein als Cochabamba, woher ich in knapp 5 Stunden soeben angereist bin. Der Fluss verbindet.

“Uuh, du hast Pech. Gerade heute morgen ist ein Schiff los. Es kann dauern, bis das naechste faehrt”, ist die erste Auskunft, die ich im Hafen von Pto Villarroel von einem der Matrosen erhalte. Wann das Naechste fahre wisse noch keiner. Vielleicht am Dienstag, eher wohl erst am Mittwoch. Ich mache mich auf eine lange Wartezeit gefasst und checke ein in einem der einfachen Hotels des Hafens. Ich geniesse die letzten Sonnenstrahlen, welche das gegenueberliegende Ufer in ein schoenes orangenes Licht tauchen.
Tags darauf bei der Capitania: “Das naechste Boot faehrt am Dienstag, es ist ein Militaerschiff. Die Navy darf eigentlich keine Passagiere mitnehmen. Aber Du kannst ja mal den Kommandanten fragen.”
Und natuerlich darf ich mit!
Doch los geht es schlussendlich erst am Mittwoch. Immer wieder wird die Abfahrtszeit um einige Stunden nach hinten verschoben. Und so verbringe ich den ganzen Tag damit im Hotel mit den Besitzern Telenovela zu schauen: “Sin tetas no hay paraíso” – “Ohne Titten gibt es kein Paradies”. Die Geschichte einer jungen Kolumbianerin die sich ihre Brueste vergroessern lassen will, sich dafuer prostituiert und schlussendlich in die Haende eines Drogenschmugglers geraet, der ihr Kokain statt Silikon implantiert. Die Geschichte war so erfolgreich, dass die kolumbianische Produktion eins zu eins von den Mexikanern kopiert wurde und jetzt unter dem Namen “Sin senos no hay paraíso” (Ohne Brueste gibt es kein Paradies) ausgestrahlt wird…

Als alleinreisende Gringita hat man in Lateinamerika gewisse Privilegien. So stellt mir Kommandant Richard gleich seine Kabine zur Verfuegung. Er selber schlaeft dafuer auf meiner Camping Matte auf dem Boden. Spaeter zusteigende Passagiere muessen es sich auf den Benzintanks bequem machen, auf mitgebrachten Matratzen, und unter improvisierten Konstruktionen aus Plastikplachen und Moskitonetzen.

Die Schifffahrt ist wunderschoen. Durch ueppigen Dschungel geht es, vorbei an einfachen Siedlungen der Einheimischen. Ich mache es mir in meiner Haengematte bequem und lasse die Schoenheit der Natur an mir vorbeiziehen. Immer wieder gibt es Neues zu entdecken. Mal begleitet un seine Familie Flussschildkroeten, dann turnen in den Baumkronen ein paar Affen herum, liegt ein Krokodil mit weit offenem Mund am Ufer oder ein Paar roter Aras ueberfliegt den Fluss. Immer wieder sehen wir auch die Stars dieser Reise: die rosaroten Suesswasserdelfine. Meist sieht man sie nur kurz auftauchen, um Sekundenbruchteile spaeter auf Nimmerwiedersehen wieder im braunen Flusswasser zu verschwinden. Manchmal schwimmen sie aber auch eine Weile vor oder neben dem Schiff her, bis sie sich dann mit einem besonders hohen Sprung aus dem Wasser wieder verabschieden. Manch einer streckt seinen Schnabel aus dem Wasser, auf den sich dann Voegel stuerzen. Es sieht so aus, als ob der Delfin die Voegel fuettern wuerde…

Das Bordthermometer zeigt durchschnittlich 37.5 Grad an. Es ist heiss und feucht, und nichts wuensche ich mir mehr, als einen Sprung ins Wasser. Natuerlich ein voelliger Bloedsinn, die Stroemung ist schliesslich stark und das Schiff viel zu schnell. Doch Kommandant Richard kennt die Loesung, ruestet mich mit Schwimmweste aus und knotet mich einfach an einem der dicken Taue fest und so werde ich hinter dem Schiff hergezogen. Eine herrliche Erfrischung und super Massage! Kurz darauf faellt ihm ein, dass das ganze vielleicht doch etwas riskant sei und zieht mich zurueck. Im Beiboot entfernen wir uns etwas von der TNR-09, und hier darf ich wieder ins Wasser. Auch hier jedoch nur mit Schwimmweste und festgeknotet. Als dann nur etwa 15 Meter entfernt ein paar Flussdelfine auftauchen, erklaere ich mich zur gluecklichsten Person auf Erden! Zum Glueck erfahre ich erst im Nachhinein, dass der Strick fuer den Fall gedacht war, dass ich von einer Sicuri – so wird hier zu Lande die Anaconda genannt – gefasst wuerde…

Eines Tages liegt ein herber Geruch in der Luft, nach modriger Erde und verbranntem Knoblauch. “Es heisst, dass eine Sicuri in der Naehe ist”, weiss Alex, ein Mitreisender. Tatsaechlich kommt Minuten spaeter aufgeregt Limachi – ein Mitglied der Crew – angerannt: "Habt ihr die Sicuri gesehen?" Doch wir schauen zu spaet in die richtige Richtung. Bereits ist sie weggetaucht.

Manchmal naehern sich uns Einheimische in Einbaumkanus, legen an die Plattformen an und bieten uns entweder Fisch, Fruechte oder pure Schokolade ohne Milch oder Zucker zum Kauf oder im Tausch gegen Benzin an… Die erstandenen Piranhas gibt es dann tags darauf zum Fruehstueck...

Dann die kitschigen Sonnenuntergaenge, welche ich jeweils vom Dach des Steuerhauschens auf der Kommandobruecke geniesse, und die sternklaren Naechte…
Eine unvergessliche Reise!

Mamore

Freitag, 27. Februar 2009

Wenn Baeren mit Gringas tanzen (Oruro, Bolivien)

Der Karneval von Oruro ist der zweitgrösste von Südamerika, der grösste in den Anden. Hier tanzen sich jedes Jahr um die 30´000 Tänzerinnen und Tänzer in Verehrung für die Jungfrau des Bergwerksstollens in Ekstase, einige wortwörtlich bis zum Umkippen. Schon frueh morgens geht es los, das Spektakel in Oruro. Puenktlich um 8 Uhr früh starten die ersten Truppen den 8 Kilometer langen Tanzmarathon bis zur Bergwerkskirche „Socavon“, wo sie dann nach acht bis zehn Stunden Tanz erschoepft vor der Jungfrau auf die Knie fallen und beten werden. Der Karneval von Oruro ist wohl die eindruecklichste und farbenfroheste religioese Feier überhaupt.

Abwechslungsreich geht es hier zu und her.

Da kommt eine Truppe Morenadas. Eigentlich eine traurige Geschichte. Sie erzählt das tragische Schicksal der schwarzen Sklaven, die in Oruro in den Minen arbeiten mussten. Die prächtigen Kostüme der Männer, welche die Aufseher mit schweren Peitschen und weissen Glatzen darstellen, stehen im Gegensatz zu den Masken, welche die Sklaven in völliger Erschöpfung mit aufgerissenen Augen zeigen.
Frueher galt bei den Morenadas ein absolutes Verbot für Frauen. Heute jedoch stehlen die hübschen Mädchen, die elegant vor dem Rest der Truppe herstolzieren, den dahinter in schweren Kostümen bepanzerten Männern die Show. Was allerdings die knapp bekleideten Tänzerinnen mit der Sklavengeschichte zu tun haben, bleibt mir ein Rätsel...

Da sind auch die Tinkus, die in ihren expressiven Choreographien den traditionellen Faustkampf nachahmen. Noch in den 80-Jahren sollen die Tinku-Tänzer auch am Karneval von Oruro richtig untereinander gekämpft haben. Damit Blut fliesst, das will die Pachamama schliesslich so, ein Opfer für Mutter Erde. Noch früher musste gar jemand sterben, damit der Karneval ein guter Karneval war, und vor allem, damit nächstes Jahr die Pachamama den Menschen gut gestimmt war und für eine ausgiebige Ernte sorgt. Heute scheint Pachamama nicht mehr so anspruchsvoll zu sein. Doch auch heute noch wird der echte Tinku an vielen Orten in Bolivien praktiziert. Und auch die heutigen Tinkus in Oruro gelangen sich ab und zu spielerisch in die Haare und manch einer endet auf dem Boden. Der Alkohol tut seine Wirkung dazu. Eingreifen darf niemand, ist aber heute auch nicht nötig...

Und natürlich die Teufelstänzer. Ihre Kostüme und Masken sind wohl die farbenprächtigsten überhaupt. Die berühmte Diablada, der Tanz zu Ehren des Tios, des Teufels, des Minengottes... In knallbunten Kostümen und riesigen Teufelsmasken mit langen gekrümmten Hörnern rennt die Teufelshorde zu kräftigen Rhythmen dem Erzengel Gabriel hinterher. Kampf zwischen Gut und Böse. Doch es tanzen auch Kondore und knuffige, weisse Anden-Bären mit, meine absoluten Lieblinge des Karnevals.

Doch das ist noch lange nicht alles: Da sind die ausdrucksvollen "Negritos" - Afrobolivianer (oder schwarz geschminkte Imitationen)- dank deren Kostümen mit Ketten resp. Peitschen die Sklaverei nicht in Vergessenheit gerät; die wild und hoch in die Luft springenden Tobas, die mit Tierfellen bekleidet, ihren Feder-Mähnen auf dem Kopf und den Pfeilen in den Händen an die Indianer im Dschungel erinnern; die Llameradas, deren Taenzerinnen alle ein kleines weisses Plüsch-Lama auf dem Arm sanft zur Musik wiegen; die Caporales, die mit ihren kraftvollen Choreographien und grossen Truppen zu den Lieblingen des Publikums gehören...

Doch Karneval in Oruro ist mehr als nur eine Show. Wer Oruro besucht, lebt den Karneval. Das Publikum in den Tribünen tanzt auf den Sitzen mit und vergnügt sich mit Bier und Wasser. Zweiteres, um sich regelrechte Wasserschlachten zu liefern. Verkäufer von Wasserballons - meist Kinder - sorgen für den nötigen Nachschub und klettern sogar die wackeligen Holzleitern bis zuhinterst hoch, damit wir die Schlacht mit den Zuschauern auf der gegenüberliegenden Tribüne nicht verlieren...

Als Zuschauer ist man aber auch willkommen, sich in die Comparsas, die Tanztruppen, einzureihen. Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen, und hüpfe bald mit den Tobas um die Wette. Von der Morenada „Zona Norte“ aus Oruro, einer der ältesten Comparsas, werde ich gar eingeladen, nächstes Jahr mitzumachen. Doch bald verleidet mir die Morenada, und ich finde mich wieder mit zwei Maracas (Rasseln) in den Händen eine Band unterstützend, umarme dann einen der flauschigen Anden-Bären der Diablada und tapse mit ihm bärig durch die Gegend, um danach mit einer afrobolivianischen Truppe zu tropischen Rhythmen mehr oder weniger Salsa zu tanzen...

Ein unvergessliches Erlebnis. Einfach HAMMER. WOW!!!

Carnaval de Oruro

Donnerstag, 29. Januar 2009

Geistergeschichten (Tupiza, Bolivien)

Im kleinen Nest San Antonio de Lipez war seit dem 16. Jahrhundert nach Gold und Silber gesucht worden. Und so klein war die Ortschaft zur Bluetezeit eigentlich gar nicht, so lebten hier rund 5000 Menschen, die so reich waren, dass sie Geld nicht abzaehlten, sondern jeweils in Hueten massen. Zu verdanken hatten sie ihren Reichtum dem “Tio”, dem Teufel, der ihnen gut gewillt Glueck in den Minen bescherte. Und der Teufel hatte hier alles und alle unter Kontrolle: Er begann, eine schoene Kirche bauen zu lassen, und daneben, mitten im Dorf, den Friedhof, damit er sich den toten Seelen annehmen konnte. Das Dorfleben ging gemuetlich weiter, bis eines Tages Besuch kam.

“Der Pfarrer ist ein Teufel”, meinte der kleine Junge, der soeben aus Tupiza angekommen die Messe besucht hatte, “ich habe seinen langen Schwanz klar gesehen!” Erschrocken nahmen die Bewohner des Ortes diese beunruhigende Neuigkeit zur Kenntnis. Was sollte man da machen? Ein Rosenkranz war die Loesung, mit dem man den Teufel auf dem Gipfel eines Huegels ausserhalb des Dorfes ankettete und begrab.

Doch seit diesem Tag blieb San Antonio verflucht. Die Bewohner wurden über Nacht blind, verschwanden und einer nach dem anderen ist einfach so verstorben. Ruhig schlafen konnte keiner mehr, man hoerte Geraeusche die es nicht gab und die Angst war allgegenwaertig. Um den Teufel zu beruhigen wurden die Verstorbenen erst noch direkt vor seiner Kirche vergraben, doch alles half nichts…

San Antonio wurde aufgegeben, niemand wollte hier bleiben, aus Angst, bald selber zu sterben. Die Menschen gruendeten 20 KM entfernt eine neue Ortschaft, wo sie bis heute ruhig leben koennen. Noch heute wird bei der Ruinenstadt nach Edelmetallen gesucht, aber übernachten tut dort niemand. Nur ein Mann ist bis vor 5 Jahren hier geblieben, sein Haus an dem Strohdach klar zu erkennen. Er erzaehlt, dass er nur mit der Bibel in den Haenden ruhig schlafen konnte…

Ein Versuch in den 70ern, die Stadt wieder zu beleben, ist gescheitert, die Ruinen der neu erbauten Kirche zeugen davon. Und wer sich hier alleine nachts hingetraut kann sie immer noch hoeren: die Stimmen, den Gesang, das Galloppieren der nicht vorhandenen Pferde…

Freitag, 19. Dezember 2008

Des Teufels Kirche (Oruro, Bolivien)

Im Santuario del Socavón in Oruro fuehrt direkt neben dem Marienaltar bei dem ein dutzend weisse Kerzen brennen, eine Treppe nach unten. Doch nicht eine Krypta wartet unten. Die lange, steile Treppe fuehrt direkt in einen alten Bergwerksstollen. Man kann den Schweiss der Minenarbeiter die hier mal geschuftet haben mit etwas Vorstellungskraft sogar noch riechen, im duesteren, feuchten Stollen.
Und da befindet sich also direkt unter der ehrwuerdigen Kirche eine rote, gehoernte Teufelsfigur, geschmueckt von Zigarren, Bierdosen und Cocablaettern...

Doch wie kommt die Kirche auf den Stollen?

Zu verdanken ist die Kirche Chiru-Chiru, einem Tagedieb, der am Fuss des Silberberges wohnte und es immer wieder geschafft haben soll, Reiche zu bestehlen, um den Armen zu geben. Eine Art Bolivianischer Robin Hood also. Als er eines Nachts einen Minenarbeiter ausrauben wollte, wurde Chiru-Chiru toedlich verletzt. Die Jungfrau von Candelaria, die Chiru-Chiru immer verehrt hatte, erwies dem reuigen Sterbenden aber ihre Gnade, und als die Orureños tags darauf seinen toten Koerper entdeckten, fanden sie auch ein Bildnis der Jungfrau. Die Mine, die sich dort befand, wurde von nun an der "Socavón de la Virgen", der "Unterirdische Gang der Heiligen Jungfrau" genannt. So entstand der Glaube an die Jungfrau von Socavón, zu deren Ehren an diesem Ort eine Wallfahrtskirche entstand.

Und wie kommt der Teufel in den Stollen?

Mit der gewaltsamen Christianisierung der Indígenas in der Kolonialzeit begann auch die Vermischung der beiden Glauben. Und so lebte der Berggott der Inkas, Huari, unter dem Deckmantel des Teufels weiter. "Tío" -Onkel-, wird dieser Teufel hierzulande genannt. Angeblich eine Aenderung des Wortes "Dios" - Gott -, das die Ureinwohner nicht richtig aussprechen konnten. Fuer die Spanier ein Teufel, fuer sie immer noch ein Gott... Und so herrscht Huari - der Onkel, der Teufel, der Gott - ueber die Unterwelt und waltet somit ueber Glueck und Unglueck der Minenarbeiter.

Das groesste Fest zu Ehren der Jungfrau von Socavón findet hier jeweils zu Karneval statt. Als Teufel verkleidet tanzen dann die Taenzer zur Musik der "Diablada" (Teufelstanz) durch die Strassen von Oruro.

Mal schauen, ob ich es dann nach Oruro zurueck schaffen werde...

Donnerstag, 20. November 2008

Auf Suedamerikas schoenster Strasse (Arica, Chile)

Nach stundenlanger Fahrt durch Boliviens karges Hochland beginnt nach Curahuara de Carangas endlich die Abwechslung! Statt Ebene bis zum Horizont praegen jetzt rote Felsen in Duenenform die Landschaft, und bald auch merkwuerdige Felsbloecke, die wie Pilze aus dem Boden schiessen. Unvergesslich der Moment, als am Horizont der schneebedeckte, perfekte Vulkankegel des Sajamas auftaucht, mit ueber 6’500 müM der hoechste Gipfel Boliviens. Ab und zu passieren wir einen kleinen Fluss, an dessen gruenen Ufern Lamas weiden, oder ein ebenfalls von Lamas und Alpacas besiedeltes Hochmoor, und dahinter ragt der majestaetische Sajama in den mit Schaefchenwolken bemalten Himmel...

Dann der schoenste Grenzuebergang ueberhaupt, am koenigsblauen Chungara-See im Lauca Nationalpark. Waehrend die Grenzbeamten unser Gepaeck scannen und auf Drogen durchsuchen beobachte ich rosarote Flamingos und am Himmel kreisende Hochland-Moewen und bestaune die atemberaubende Sicht auf die Payachatas Zwillingsvulkane, zwei weitere Sechstausender. Danach die Fahrt durch den Lauca Nationalpark – vorbei an der blauen Cotacotani-Lagune mit ihren zahlreichen kleinen Inselchen und den weissen Salzkrusten am Ufer. Und immer die Aussicht auf Berge, deren Farbe mal roetlich, dann gruen, gelb oder lila schimmert. Wir fahren auch vorbei an zahlreichen Vicuñas, dieser zierlichen Lama-Art, deren Bestand in den 70er Jahren auf etwa 1000 reduziert war, und heute wieder auf ueber 25’000 gestiegen ist. Sie lassen sich kaum von den Bussen und LkWs stoeren und grasen genuesslich direkt hinter den Leitplanken...

Anders als oestlich der Anden, fallen hier an der Pazifikseite die Anden nicht in fruchtbares Tiefland ab. In drei Stunden geht es jetzt herunter von ca. 4’500 müM auf Meeresniveau. Die Strasse schlaengelt sich den Berg herunter, und je tiefer wir kommen umso trockener und felsiger die Landschaft, bis bald gar kein Gruen mehr zu sehen ist. Nur noch Wueste soweit das Auge reicht, geschmueckt mit zahlreichen Kandelaber-Kakteen, die wie Maennchen mit einem dutzend Arme in der Gegend stehen.

Als ich Arica erreiche, ist es bereits dunkel, nur der Mond erleuchtet den Sandstrand und die Fluten des Meeres. Ich geniesse das Rauschen der kraeftigen Wellen und den frischen Geruch der kalten, salzigen Meeresbrise...



Chile / Putre & Arica

Montag, 10. November 2008

Nur in Bolivien... (Cochabamba, Bolivien)

  • ist Schweinehaut und -Ohren eine beliebte Spezialitaet (und zwar fuer Menschen und nicht fuer Hunde...)
  • fahren in der Fuehrerkabine im Bus 5 Passagiere mit, obwohl es nur einen Beifahrersitz gibt...
  • gibt Maggi dem Essen den typisch bolivianischen Geschmack...
  • wird Kreisverkehr gerne durch Ampeln geregelt...
  • benutzen Schuhputzer schwarze Masken, damit man sie nicht erkennt, und wirken dadurch erst ganz schoen bedrohlich...
  • wird in Discos in Reihen getanzt! (und wehe dem, der aus der Reihe tanzt...)
  • und es gibt in Discos auch Pausen, damit sich die Leute unterhalten koennen...
  • gibt es Druckereien, die gleichzeitig als Coiffeursalon funktionieren...
  • und gibt es dafuer Coiffeursalons, die sich freiwillig "Piojitos" (Läuschen) nennen...
  • muss man bei seiner eigenen Hochzeit nicht anwesend sein!!! (man kann einen Vertreter hinschicken... - dafuer soll es in Peru moeglich sein, sich online scheiden zu lassen...)
  • wird ca. 1x im Monat verkuendet, dass die bankrotte Airline LAB am Ende des Monats wieder fliegen soll...
  • muss im Spital vor der Untersuchung erst der Hund aus dem Behandlungszimmer verscheucht werden...
  • gibt es auf dem Markt Lamafoeten zu kaufen...
  • dauert eine 200 km lange Busfahrt 8 Stunden...
  • pinkeln die Leute ungeniert auch vor Verbotsschildern (500 Bs. Busse) inmitten der Stadt auf die Strasse...
  • muss man in Busterminals eine "Busterminal-Benutzungs-Gebuehr" bezahlen...
  • wird das Meerschweinchen Kaninchen (Conejo) genannt...
  • wird man, wenn man auf der Strasse nach der Waescherei fragt, gleich von einem Dutzend Frauen umgeben, die einem ihre Dienste als Waescherinnen anbieten...
  • darf nicht davon ausgegangen werden, dass ein Optikergeschaeft, das mit "alles fuer Kontaktlinsen" wirbt, auch Linsenmittel fuehrt...
  • gibt es Bankomaten, die statt den PIN erfragen den Fingerabdruck scannen!! (ganz schoen fortschrittlich die Bolivianische Bank!!)
  • dafuer soll es gelegentlich vorkommen, dass man Falschgeld aus dem Bankomaten bekommt - z.B. eine USD 100.- Note statt mit dem Gesicht von Franklin mit einem Bild eines Inkakoenigs und dem Text: "this note is illegal tender"...
  • oder Noetchen, statt vom "Banco de Bolivia" vom "Banco de la Fortuna"...
  • fahren im Taxi-Kofferraum die Kinder des Taxi-Chauffeurs mit...
  • gibt es Unfaelle, weil der Fahrer derAmbulanz betrunken ist...
  • fahren Strassenhunde gratis Bus...
  • gibt es eine Marine ohne Meer... ("vom Titicacasee dem Meer entgegen", steht bei der Marinebasis in Tiquina... Ja, Bolivien leidet noch immer unter dem Verlust des Meereszugangs an Chile...)
  • baut der Praesident soziale Haeuser fuer die aermsten der Armen in Zonen, die nicht fuer Hauser bestimmt sind, und der Buergermeister reisst die Haeuser dann wieder ab und stellt die Leute von neuem auf die Strasse... :'-( *traurig aber wahr*

Dienstag, 16. September 2008

Benzinmangel und Chicha im Ueberfluss (Cochabamba, Bolivien)

Die "Fiesta" beginnt schon bevor wir losfahren... Cochabamba steht still - diesmal unfreiwillig! Aufgrund der geschilderten Probleme gibt es kein Gas und kein Benzin, nur noch wenige Autos sind unterwegs. Alan (mein Arbeitskollege) will mich abholen mit einem Taxi, doch der Taxista kommt dann doch nicht, denn das Benzin ist unterwegs ausgegangen und es gibt keinen Nachschub. Also versuche ich auf "meiner" Avenida Blanco Galindo, die mehr befahren ist, ein Taxi zu nehmen. Doch die Antwort ist immer die selbe: Zur Av. Beijing (wo Alan wohnt) bringen wir Dich, nicht aber danach nach Quillacollo (ca. 14 km von Cocha entfernt) wo der Bus nach Independencia faehrt - es gibt kein Benzin! Irgendwie schaffen wir es dann doch noch, eingequetscht in einem der wenigen vollgestopften Trufis nach Quilla...

Von hier geht die Fahrt ueber eine abenteuerliche Schotterpiste erst auf ueber 3'800 m.u.M., bevor es dann wieder auf 2'500 m heruntergeht. Die Strecke ist gesaeumt von karger Andenvegetation, doch das Bueschelgras und die Felsen bestechen durch immer wieder andere Farben: mal orange, mal rot, gelb, gruen oder grau. Obwohl karg, kann ich mich kaum satt sehen. Aus der Musikanlage rauscht die Musik der Anden, wehmuetiger Gesang begleitet vom Klang des typischen Charangos, dann zur Abwechslung der eintoenige Beat der argentinischen Cumbia Villera. Mal passieren wir eine Gasleitung, die sich bis zum Horizont erstreckt (und momentan wahrscheinlich kein Gas fuehrt), dann ein einsames Lehmhauschen oder ein kleineres Dorf. Die Gegend ist kaum besiedelt, so sehen wir denn auch mehr Lamas und Schafe als Menschen. Die schlussendlich fast 8-stuendige holprige Fahrt ist anstrengend, der unbequeme Bus fuellt sich mit Staub, immer wieder muessen wir waghalsige Manoever bei Gegenverkehr auf der engen Piste ueber uns ergehen lassen - neben uns geht es steil runter und ab und zu erinnert ein kleines Kreuz am Strassenrand an Verunfallte. Kaum beruhigend ist, dass wir statistisch gesehen auf der zweit-gefaehrlichsten Strecke Boliviens unterwegs sind. Immerhin erfahren wir erst als wir in Independencia ankommen, dass der Chauffeur die Strecke heute erst zum zweiten Mal gefahren ist!! ;-)

In Independencia treffen wir auf Verwandte von Alan, und wir fahren direkt weiter nach Machaca, wo eben die Fiesta del Señor de Exaltación stattfindet.
Machaca ist ein kleines Nest am Ende der Welt, das aus gerade mal ca. 9 Cuadras (3x3 Blocks)aus Lehmziegelhauschen besteht. Das hier ist Landleben pur! Es gibt keinen Luxus, nicht einmal Klos (dazu dienen einfach die umgebenden Berge oder auch mal der Hauptplatz) dafuer pure Luft und Ruhe... Und gefeiert wird auch hier wie richtig! Auf dem Musikpavillon auf dem Hauptplatz spielt die lokale Brass Band, die bald schon durch laute Cumbia aus den daneben aufgestellten Lautsprechern uebertoent wird, in einer anderen Ecke der Plaza tanzt eine unermuedliche Truppe floetenspielender Maenner um einen mit Chicha gefuellten Plastikeimer (Typ: ehemaliger Farb-Behaelter vom Bau). Jeder der Taenzer / Musiker ist geschmueckt mit einem "Panzer" aus echtem Leopardenleder oder -Fell und bunten Federn. Bier und Chicha fliesst in Stroemen, und ich werde ins Ritual des Chicha-Trinkens eingeweiht: Wer eingeladen wird, muss (oder sollte zumindest) trinken und fuellt als naechstes das Trinkgefaess, eine Art halber Kuerbis, um den Naechsten einzuladen. Immerhin muss der erste oder letzte Schluck, zu Ehren Pachamamas - der Mutter Erde - auf den Boden gekippt werden. Ein Glueck fuer mich, wenn das herbe Maisbier, in dem man meistens auch ein Stueck Stroh oder eine Fliege oder ein Haar findet, zu bitter schmeckt... Doch mit einer genuegend grossen Portion Kokablaetter im Mund wird auch fuer mich die Chicha bald ertraeglich... ;-) ("Koka ist kein Kokain, sondern das heilige Blatt der Inkas" - singt die Band) Es wird spaet an diesem Abend.
Wir koennen unser Zelt als Nachtlager im Innenhof eines Hauses aufstellen, neben Ziege und Zicklein, doch ich schlafe kaum, denn es wird bitterkalt und natuerlich dauert die laute Fiesta die ganze Nacht!

Am naechsten Morgen werden wir von vier staunenden Kinderaugen begruesst, die sich zoegerlich unserem Zelt naehern und es schuechtern untersuchen und befassen. Nebenan sind die Ziegen bereits verschwunden, dafuer hocken die Frauen der Familie im Kreis am Boden und bereiten ein grosses Festessen vor. Wir muessen unser Zeltlager denn auch abbrechen, denn hier wird heute Hochzeit gefeiert! Bald ist der Innenhof mit silbernem Lametta und weissen Klopapier geschmueckt, und an der Lehmwand werden ein paar bunte Tuecher aufgehaengt.

Der Tag beginnt gemuetlich, wir fruehstuecken erst auf der Strasse, dann geht es direkt weiter mit Chicha und Bier... Ich geniesse die Sonne und fahre mit Verwandten von Alan etwas in die Berge hoch. Zum Mittagessen werden wir von einer Familie eingeladen (man wird hier immer und zu allem eingeladen - die Leute sind so was von herzlich, es ist unglaublich!) Am Nachmittag dann geht das Feiern weiter (diesmal auf dem Fussballplatz) mit Musik und Tanz, und ich lerne traditionelle Morenadas zu tanzen - gar nicht so schwierig, nur sieht das ganze ohne bunten Rock der hin und her geschwungen wird, ganz und gar nicht spektakulaer aus... Darauf wird ein schwarzes Heiligenbild zur Kirche getragen (den Gottesdienst lassen wir aber aus) und danach werde ich Zeuge, wie der Sacerdote (Pfarrer) auf dem Fussballfeld ein paar der stationierten Autos und Lastwagen mit Weihwasser segnet. Die Autos wurden alle bereits schoen geschmueckt, und werden jetzt, wenn nicht mit Weihwasser zumindest mit Bier oder Coca Cola oder sonst etwas moeglichst Klebrigem uebergossen, damit das danach darauf geworfene Konfetti auch moeglichst lange daran kleben bleibt...

An diesem heiligen Tag heiraten etwa 3 Paare - und so konzentriert sich die Fiesta am spaeteren Nachmittag und Abend auf den 3 Hochzeitsfeiern. Teilen ist Kultur der Anden, und so wird ganz selbstverstaendlich jeder, der gerade vorbeikommt, zur Feier inkl. Hochzeitssuppe oder -Torte eingeladen. Doch bevor es Torte gibt, muessen die Singles antraben und an einem aus der Torte haengenden Schnuerchen ziehen. An einem davon haengt ein Ring: wer ihn zieht wird als naechstes heiraten. Ich komme zu spaet und kriege "nur" noch Torte ab. ;-) *mmmh - lecker* Beim Tanz danach fliesst wieder Chicha in Stroemen, manch einer tanzt bald nicht mehr, sondern sitzt irgendwo beduselt in einer Ecke.
Heute bekommen wir zum Schlafen eine Matratze bei irgend jemandem zu Hause angeboten - was fuer eine Wohltat nach der kalten Nacht zuvor, und wie unglaublich, wie selbstverstaendlich Fremde hier aufgenommen werden!

Der dritte Tag der Feier soll der spektakulaerste sein: Corrida de Toros - Stierkampf ohne Torero, a lo boliviano! Den Stieren werden kleine Tuecher um den Hals gebunden, darin versteckt etwas Geld. Die jungen Maenner des Dorfes rennen dann den Stieren hinterher, um den Preis zu ergattern. Manch einer bezahlt dafuer mit einem heftigen Schlag des Stiers in den Hintern, einer wird auf die Hoerner genommen und weit durch die Luft geschlaeudert und bleibt bewusstlos liegen... Aber wie mir Alan zuvor erklaert hat, ist eine Corrida de Toros ohne Blut schliesslich langweilig... ;-)


Independencia

Donnerstag, 11. September 2008

Cochabamba atmet auf, Bolivien brennt (Cochabamba, Bolivien)

Ich sitze mit meinem Buch (100 Jahre Einsamkeit, Gabriel García Márquez) im Gras auf einem Kreisel inmitten zwei der meist befahrenen Strassen Cochabambas. Statt stinkender Busse und hupenden und nervoesen Autofahrern sind heute hier auf der sechs-spurigen Avenida tausende Velofahrer, Fussgaenger und Fussball spielende Kinder unterwegs. Es ist unglaublich ruhig und fast ein surreales Bild. Ich geniesse die Sonne und die smogfreie Sicht auf die Anden im Norden. Jeder erste Sonntag im September ist autofrei, und Cochabamba atmet auf.

Ein paar Tage spaeter kommt es in den oppositionellen Tieflandregionen (der sog. Media Luna / Halbmond) zu Krawallen. Milizen der bürgerlichen Opposition blockieren das gesellschaftliche Leben: Strassen werden blockiert, Flughaefen eingenommen, Gasleitungen gekappt, Maerkte gepluendert, Behoerden gestuermt, Radiosender und Journalisten angegriffen...
Die USA werden angeklagt, die ganze Opposition und Autonomiebewegung mobilisiert zu haben und fuer die eskalierenden Proteste verantwortlich zu sein. Dementsprechend wurde der Botschafter der USA, Philip Goldberg, zur unerwünschten Person erklaert und aufgefordert, das Land zu verlassen.
Der Halbmond brennt !!!

( In den Evo-befuerwortenden Hochlandregionen bleibt es hingegen ruhig – also macht Euch keine Sorgen wenn ihr Berichte liest, wie meinen :-), oder den hier)

Montag, 1. September 2008

Das zweite Drittel (Cochabamba, Bolivien)

Bolivianer lassen sich in drei Drittel einordnen:


  1. Das erste Drittel blockiert gerade irgendwo eine Strasse, ist auf einer Demonstation oder steht Schlange auf irgend einer Behoerde

  2. Das zweite Drittel ist auf einer Fiesta, macht Musik oder tanzt

  3. Das dritte Drittel macht Liebe

(Theorie gemaess Matthias Bode)

Hier sehen wir also das zweite Drittel:



FiestaCochabamba


Wieso denn gefeiert wird, frage ich William, einen bolivianischen Freund. "Wir feiern alles und nichts!"

So genau weiss man es nicht, ist auch nicht so wichtig. Hauptsache Tanz, Musik, Bier und Chicha!

Wahrscheinlich wieder irgend eine "Virgen".
Auch ein Raetsel: Wieso gibt es in Bolivien so viele Kinder, wo es so viele Jungfrauen gibt??... ;)

Donnerstag, 28. August 2008

Zu Besuch bei den Tiefland-Indianern (Sanandita, Bolivien)

“Alles ist cool hier: der Fahrer, der Bus, die Musik” oder: “Bitte nicht auf den Boden spucken”... aber auch Weisheiten wie: “Lieber eine Minute in deinem Leben verlieren, als in einer Minute dein Leben”, stehen auf den Stickers geschrieben, an der Tuer, die den Passagierraum vom Chauffeur trennt, im Bus von Cochabamba nach San Gabriel.
Und ganz nach diesem Motto kriechen wir den Berg hinunter. Die Umgebung ist erst von karger Bergvegetation mit Lagunen und Adobehauschen gepraegt, dann geht es vom trockenen Klima des subandinen Hochtals ins tropische Tiefland des Chapare hinunter. Links und rechts neben der Strasse wird es nun immer gruener, bis die letzten Auslaeufer der Anden hinter uns verschwinden und die Luft heiss und feucht wird.

Nach etwa 5 Stunden erreichen wir Villa Tunari. Hier endet fuer die meisten Touristen der Ausflug ins Chapare, eines der wichtigsten Koka-Anbaugebiete des Landes. Ich hingegen bin auf dem Weg nach Sanandita, einem Dorf der Yuracare-Indios, einem Indianerstamm im Amazonasgebiet Boliviens. Wir passieren einen Militaerkontrollposten ausgangs Villa Tunari. “Crime Scene, Do not cross”, steht auf dem Band, vor dem Kontrollposten, und « Wasser ist Leben. Lass nicht zu, dass sie unsere Fluesse verschmutzen. Sag nein zu Drogen und Drogenhandel », steht auf einem Schild. Dementsprechend wird auch unser Bus von den Soldaten durchsucht. Es koennte ja sein, dass jemand Drogen dabei hat, oder Chemikalien, die fuer die Kokainproduktion verwendet werden koennten, und eben die Fluesse verschmutzen. Auf einer holprigen Piste geht es von hier weiter nach San Gabriel, dem letzten Kaff vor dem Nationalpark und Indianerreservat Isiboro Secure, wo die Yuracare wohnen, die ich besuchen werde. Je weiter wir kommen, desto groesser die Kokafelder am Wegesrand. Einfache Hauser aus Brettern saeumen die Strasse. Doch arm sind die Leute hier nicht. Davor stehen teils moderne Autos, und auch die Satellitenschuesseln fehlen nicht. Koka muss halt ein gutes Geschaeft sein! Und Koka gedeiht hier wunderbar.

Dies ist auch einer der Gruende, weshalb die Yuracare immer weiter zurueck gedraengt werden in den Dschungel. Kolonisierende Kokabauern, vorwiegend Quechua und Aymara aus dem Hochland, dringen weiter vor in ihr Stammesgebiet. Die Siedler zurueckzudraengen ist kaum moeglich, ohne Unterstuetzung in der Regierung. Es bleibt nur die Flucht weiter hinein in den Dschungel.

Und da fahre ich hin! Im Sammeltaxi, zu zwoelft (!!) eingequetscht in einem normalen PkW, gelangen wir zur Bootsanlagestelle am Rio Isiboro. Von hier sind es noch knapp 30min flussabwaerts im Einbaumkanu. Die Gesandten der Gemeinde warten schon auf uns. Bei Abenddaemmerung erreichen wir Sanandita. Bis ich die Besucherhuette erreiche ist es dunkel. Bald ist nur noch das Funkeln der Sterne und Blinken der Gluehwuermchen zu sehen…

Die naechsten Tage verbringe ich mit Don Humberto und seiner Familie. Ich koche mit seiner Frau mit Wasser aus dem Fluss, spiele mit dem kleinen Guido stundenlang mit der einzigen Murmel die er besitzt oder den zwei kaputten Spielzeugautos, besuche Nachbarn und werde von ihnen zum Chicha-Trinken eingeladen. Ich fische Piranhas, und spiele “Fischen” mit den Kindern im Fluss. So wird hier unser “Fangis” genannt. Es ist gar nicht so einfach, im braunen Flusswasser sind die flinken Kinder schnell weggetaucht, und tauchen dann ploetzlich hinter dem naechsten Kanu auf. Ich, von den Kindern liebevoll Gringita genannt, hingegen bin ein leichtes Fressen fuer den jeweiligen “Fischer”. Ich lerne von Kleinkindern auch, wie man ein Einbaumkanu lenkt. Das koennen sie hier naemlich schon, bevor sie schwimmen koennen. Man erklaert mir auch mit einer Selbstverstaendlichkeit, welche Beeren man essen kann und welche giftig sind, oder welche Pflanzen zum Faerben von Tuechern verwendet werden koennen. Mein gruenes T-Shirt wird dabei zum Opfer einer Demonstration. Ein violetter Fleck wird mich jetzt noch lange daran erinnern! ;) Zwei Jungs demonstrieren, wie man mit Pfeil und Bogen die Fische faengt, die sich am Grund der Lagune tummeln, und abends gehen wir auf Kaimanpirsch…


Ich lerne aber auch, wann Koka reif ist zum Pfluecken und helfe beim Ausbreiten der Blaetter zum Trocknen an der Sonne. Denn auch die Yuracare leben heute nicht mehr bloss vom Jagen und Sammeln, sondern brauchen alternative Einnahmequellen, und Koka laesst sich halt gut in San Gabriel verkaufen...

Der Tourismus soll als Alternative zum Kokaanbau dienen, aber vor allem auch, den Yuracare eine Stimme verschaffen. Wenn auf der einen Seite die Siedler die Yuracare diskriminieren, sie sogar dazu bringen wollen Quechua zu lernen, und die Regierung das Volk vergisst, koennen Touristen helfen sie in ihrer Identitaet zu staerken…



Sanandita

Dienstag, 19. August 2008

Viehmarkt (Cochabamba, Bolivien)

Wir besuchen den Viehmarkt in Punata, nicht weit ausserhalb von Cochabamba im Hochtal ("Valle Alto") gelegen. Da quietscht ein Schwein, das gerade herumgezerrt wird, dort krabbelt ein Kleinkind im Sand und Kuhdreck herum, da stehen die riesigen Tiertransporter, vollgequetscht bis auf den letzten Quadratzentimeter, da preist eine farbenfroh gekleidete Quechua-Frau "frischen Fisch" (der in der Sonne schmort) per Megafon an, eine andere traegt ein Schaf vorbei, und auf dem Ruecken natuerlich das Kleinkind, es werden Kuehe gemolken und um Kaelber gehandelt...

Doch da ist auch der Fruechte- und Gemuesesektor, ja, es gibt nichts, was man auch dem Markt von Punata nicht kaufen koennte. Stereoanlagen, Handys, Fahrraeder, bunte Tuecher, Essen... und wer denkt, das schwarze lange gezopfte Haar der Indigenas sei immer echt, hat noch nicht die Staende entdeckt, wo es Kunsthaar zu kaufen gibt. Schwarz, lang, und bereits vorgezoepfelt...

Punata

Wuestenzauber (Santa Cruz, Bolivien)

Streifzug durchs Zentrum von Santa Cruz. Die Stadt ist zwar nicht sonderlich schoen, dafuer um so interessanter. Da sind die Strassenverkaufer von Kunsthandwerk, die auf Wunsch auch gleich das Loch fuer das Nasen- oder Bauchnabelpiercing stechen, da sind die mit traurigen Augen bettelnden Kinder, die einem die Haende entgegen strecken und mein Herz zerreissen, da sind die Artisten, die auf der Strassenkreuzung jonglieren und versuchen, so den wartenden Motoristen ein paar Bolivianos zu entlocken. Und da sind die Opositionellen auf dem Hauptplatz vor der Kirche, die schon tagelang im Hungerstreik gegen die Regierung protestieren. In grossen Zelten liegen die Demonstranten auf Matratzen, spaeter sprechen die Anfuehrer ueber Lautsprecher zu den Leuten: "Wir wollen eine Regierung fuer alle. Sie stecken ihre schmutzigen Haende in unsere Taschen." Der verhaeltnismaessig reichen Tieflandregion passt Evos Sozialismus natuerlich ganz und gar nicht... Etwas spaeter wird der Hungerstreik nach 12 Tagen aufgeloest, und die Matratzen werden weggetragen.

Tags darauf habe ich mir in den Kopf gesetzt, die Lomas de Arena, etwa 15km suedlich von Santa Cruz, zu besuchen. Im Bus fahre ich zum Parkeingang. Von hier sind es noch 4 1/2 km zu Fuss und ich marschiere los. Die Sonne brennt unerbitterlich runter, meine kleine Wasserflasche ist bald leer, und so frage ich ein Maedchen, dem ich unterwegs begegne, ob man denn hier irgendwo Wasser kaufen kann. "Hier schenkt man es Dir", bekomme ich zur Antwort, und werde in den Hinterhof ihres Hauses gebeten. Am Tisch sitzen die kleinen Geschwister beim Mittagessen, es gibt Reis mit Linsen, dazu Wasser. Auch ich bekomme ein Glas - herrlich erfrischend kalt! Die Kinder sind schuechtern, sprechen nur ab und zu leise untereinander. Auf Fragen bekommt man eine kurze und knappe Antwort. Dafuer bekomme ich fuer den weiteren Weg eine grosse 2 Liter Petflasche voller Wasser geschenkt!

Die Landschaft wird immer noch wuestenartiger, da sind Kakteen und stacheliges Bueschelgras, bald tauchen in der Ferne die ersten Duenen auf. Ab und zu kreist ein Falke ueber meinem Kopf.

Auf den Duenen blaest ein starker Wind. Die vorbeifliegenden Sandkoerner tun fast ein bisschen weh auf der Haut. Vor mir breitet sich Sand aus, bis zum Horizont. Die Landschaft ist total surreal, denn in den Duenentaelern gibt es klare Lagunen, das Wasser bringt Leben und so blueht es hier auch gruen. Doch der Sand ueberwaelzt erbarmungslos die Vegetation und wandert weiter Richtung Sueden.

Hier ist eine Gruppe Jugendlicher, aus dem Autoradio droehnt laute Bachata und Reggaeton Musik. Ich bin am Strand der Cruceños gelandet.


Santa Cruz 2

Im Todeszug (Santa Cruz, Bolivien)

Das Dorf San José de Chiquitos, eine ehemalige Jesuitenmission, ist super herzig. Die Kirche wird gerade in Feinstarbeit restauriert. Ich unternehme einen Ausflug in die naehere Umgebung, ins bizzare Mondtal.

Santa Cruz


Abends Weiterfahrt nach Santa Cruz - dieses Mal im Zug! Ausserdem war das einzig verfuegbare erste Klasse. Es kann nur besser kommen! Doch der Name taeuscht. Die erste Klasse ist die zweit schlechteste, die besseren nennen sich "Pullmann" oder "Super Pullmann". Die erste Klasse entspricht im Vergleich mit der Schweiz etwa einem uralten S-Bahn Wagen. Dafuer kostet die 8 Stuendige Fahrt auch nur gerade 2.30 Euro.

Hat es tags zuvor im Bus geschuettelt und geruettelt, wiegt und schaukelt es im Zug. Die Gleise quietschen unter den Raedern, es ist ein Hoellenlaerm. Diese Strecke wird auch "Tren de la Muerte" genannt, "Todeszug". Wir fragen uns erst wieso, doch spaetestens kurz vor Sonnenaufgang wissen wir wieso... Es ist bitterkalt, der Wind blaest durch die Ritzen durch die Fenster. Trotz dicken Socken und Faserpelz ist es nicht mehr zu ertragen. Da hilft nur enger ruecken und Schlafsack auspacken... Wenig spaeter rinnt mir der Schweiss in Santa Cruz nur so aus den Poren...

Adios Brasil, Hola Bolivia (San Jose de Chiquitos, Bolivien)

In Corumba erhalte ich auf einer Bootstour einen Eindruck ins Naturparadies des Pantanals. Zahlreiche Voegel sieht man schon wenig ausserhalb der Stadt, da verschwindet ein Jacare (Kroko) im Wasser, und es turnen Affen in den Baumen.
Auch Cormuba selber ist schoen, der alte Hafen mit den bunten Hausern. All dies und natuerlich auch die Gastfreundschaft von Marcelle, meiner hiesigen Couchsurferin, machen aus dem Stopp ein weiteres Highlight der erst kurzen Reise. Unbeschreiblich die Aussicht von der Wohnung ihrer Grossmutter (im hoechsten Gebaude der Stadt) auf die Weite des Sumpfgebietes...

Brasilien

Und doch zieht es mich schnell weiter. Ich fuehle mich, des Portugiesischen nicht maechtig, in Brasilien fremd. Ich freue mich, bald "zu Hause" in meiner zweiten Heimat, dem spanischsprachigen Lateinamerikas anzukommen. Ja, ich fahre wirklich nach Hause!

Doch dies ist erstmals gar nicht so einfach. Ich nehme einen Bus zur Grenze, passiere den brasilianischen Zoll, und stehe schon vor der Bolivianischen Migracion. Wo kriege ich meinen brasilianischen Ausreisestempel?? "Die Migration ist beim Busterminal in Corumba, im Stadtzentrum" - die Antwort, als ob es das selbstverstaendlichste der Welt waere.
Mein Zug, fuer den ich noch ein Ticket kaufen muss, faehrt schon bald, und ich habe keine Lust, nochmals den ganzen Weg zurueck zu gehen. Und so versuche ich, ohne Ausreisestempel weiterzureisen. Doch die Bolivianer weisen mich zurueck. Ich lasse mein Gepaeck bei den bolivianischen Grenzbeamten und bitte Mario, einen Argentinier den ich soeben kennen gelernt hatte, einen Blick darauf zu halten. Schnell ist ein Taxi gefunden, geteilt mit anderen Reisenden, und ich fahre zurueck. Eine Stunde spaeter komme ich wieder per Mototaxi an die Grenze angeduest, und darf jetzt endlich "nach Hause"!

Leider sind wir jetzt wirklich schon spaet dran, und kriegen keine Fahrkarte mehr fuer den Zug. Bleibt noch der Bus. Was das bedeutet, weiss Mario: im Gegensatz zum Zug, der mehr oder weniger ruhig auf Schienen faehrt, ist die Piste nach San Jose de Chiquitos reiner Schotter und Sand. Am Busterminal haengt ein Werbeschild unserer Busgesellschaft. Darauf prahlt ein super moderner ultra bequemer Bus, davor steht der unsere: eine uralte Lotterkiste, der Fensterscheiben fehlen und der auch sonst droht, gleich auseinander zu fallen...

Langsam fahren wuerde bedeuten, spaeter anzukommen, und so braust unser Fahrer auf den schlechten Pisten, als ob es eine Autobahn waere. Bald reisst das aus Plastikfolie improvisierte Fenster, der Bus fuellt sich definitiv mit Staub, Sand und Muecken. Es holpert und schuettelt. Wir fuehlen uns fast wie in einem Viehtransport. Das meint auch einer der anderen Passagiere und beginnt zu bloeken. Bald stimmt die ganze Truppe mit ein, bald muht, meckert, gackert, quietscht und miaut der ganze Bus. Dann ein riesen Gelaechter... "Al mal tiempo, buena cara".