Dienstag, 16. Oktober 2007

It's not all you need, it's all you want! (Al Ain, UAE)

Doppeltes Glück habe ich einmal mehr. Trotz Ramadan-Ende noch Platz auf dem Flieger zum Agenten Special Tarif und obwohl ich meinen Zug verpasse und per Autostopp zum Flughafen Zürich gelangen muss, sind wir (Annia & ich) auf dem Weg nach Dubai!

Am Flughafen in Dubai angekommen werden wir von Amin erwartet. Er ist der Bruder von Yasin vom Hospitality Club, welcher sich bereit erklärt hat, uns diese 4 Nächte aufzunehmen. Wir hatten die Wahl: entweder kriegen wir die Schlüssel für sein Appartement in Dubai oder wir reisen gemeinsam mit ihm nach Al Ain zu seiner Familie um Eid, das Ende des Ramadans zu feiern. Feiern tönt immer gut, besser, wenn man so auch einiges über eine fremde Kultur und Religion dazulernen kann, und so sind wir bald auf dem Weg auf der Wüstenautobahn nach Al Ain.

Am Horizont taucht Burj Dubai auf, das zukünftig höchste Gebäude der Welt, welches hier aus dem Boden schiesst. Bereits schon mehr als 500 Meter hoch bleibt seine endgültige Höhe bis zur Fertigstellung noch ein Geheimnis. Überhaupt ist Dubai momentan eine einzige Baustelle. Es entsteht ein Manhattan der Wüste, meint Amin. Da bereits in 16 Jahren die Erdölquellen versiegen werden setze man hier jetzt auf Tourismus und es wird gebaut was das Zeug hält...

Mehr und mehr entfernen wir uns von der Stadt. Links und rechts der sechs-spurigen Autobahn jetzt nur noch ein Streifen grün (künstlich bewässert), dahinter Sand bis zum Horizont... Erst noch hellbraun, je weiter Richtung Al Ain wir kommen umso röter färben sich die Dünen. Die Färbung hängt mit der Temperatur und der Sonne zusammen, meint Amin. A propos Temperatur: es ist 39°C heiss, resp. kühl, gemäss unserem Gastgeber, denn noch vor wenigen Monaten stiegen die Temperaturen hier auf 50°C!

Einen ersten Stopp legen wir bei der grössten "Dairy Farm" des Landes ein. Der Milchladen hat 24 Stunden geöffnet hier und verkauft frische Milchprodukte.
"Ihr seit in Dubai, dann müsst ihr Kamelmilch probieren", meint Amin und deckt uns auch gleich für die nächsten paar Tage damit ein. Die Milch schmeckt erst komisch, ungewohnt halt. Etwas herb und salzig, aber eigentlich nicht schlecht.
Erstaunt bemerken wir, dass Amin keine Kamelmilch trinkt, sondern normale Milch. Darauf angesprochen antwortet er augenzwinkernd, das sei nicht gut für ihn. Kamelmilch sei ein Aphrodisiaka, mache Männer heiss und dummerweise hätte er keine Frau, die auf ihn warte.... Tja... Wir zwei merken jedenfalls nichts von dieser Wirkung.

Nach ca. 1 ½ Stunden treffen wir in Al Ain ein. Wir lernen später, dass die Strecke auch in 45 Minuten zu bewältigen ist, je nachdem ob man nur mit 120 kmh oder 160 kmh fährt. Al Ain liegt im Emirat Abu Dhabi, es ist eine Oasenstadt und wird daher umgangsprachlich auch Gartenstadt genannt. Nirgendwo sonst gibt es in den Emiraten angeblich so viele Grünflächen. Es wird auch sichtlich viel Aufwand betrieben, die Anlagen zu pflegen. Aus Al Ain stammen mehrere ehemalige Herrscher, und so wohnt Amins und Yasins Familie in direkter Nachbarschaft eines Prinzen. Von dessen Anwesen sehen wir nur hunderte von Meter lange Mauern...

Amin und Yasins Familie wohnt etwa zu zehnt in einem grossen Haus. Die Familienmitglieder sind: Taher (der älteste Bruder), Yasin, Amin, Schwester Sofia, die Frau von Taher, die Frau von Yasin (welche uns nicht mit Namen, sondern als "Frau von Taher" und "Frau von Yasin" vorgestellt werden), Leila, die Angestellte, die Kinder von Yasin und Taher und dann noch ihre Mutter. Ein echter Dreigenerationen-Haushalt also. Wir haben keine arabischen Gastgeber, die Familie stammt aus Pakistan. Daher kleiden sich die Frauen auch nicht schwarz mit Kopftuch. Ihre traditionelle Kleidung ist bunt und statt Kopftuch tragen sie einen Schal um die Schultern.
Zur Begrüssung, und die kommenden Tage jeden Morgen, streichelt uns Oma übers Haar und tätschelt unseren Arm. Zudem labbert sie uns voll, in Urdu oder Punjabi. So genau wissen wir das nicht, jedenfalls verstehen wir anfangs kein Wort. Mit der Zeit lernen wir allerdings sie etwas zu verstehen, mit Händen und Füssen!

Yasin und seine Brüder kümmern sich total lieb um uns. Sie chauffieren uns dahin, wo wir wollen und Amin begleitet uns sogar mit viel Geduld beim Shopping im Chinese Mall und erweist sich zudem als hilfreich, wenn es ums Verhandeln der Preise auf dem Souk geht. Arabisch sollte man können!
Nur ein Problem haben wir: Yasins Familie hat ein gutes Geschäft entdeckt: Klimaanlagen! Das Familienunternehmen ist mittlerweile sehr gross. Man exportiert auch nach Europa und Afrika. So wurde Geld angehäuft, so viel, dass wir kämpfen müssen, unsere Einkäufe selber zu finanzieren. "Es kostet uns nichts, wir freuen uns, Euch eine Freude machen zu können", heisst es dann. Trotzdem, so finden wir, haben wir auch unser eigenes Geld, und es reicht, dass wir schon immer zum Essen, Shisha rauchen etc etc eingeladen werden...!!

So verbingen wir auch viel Zeit, ganz Eva-untypisch, in schicken Restaurants, Malls und besuchen sogar eine Belly Dance Show in einem Viersternehotel! (wo wir auch unser teuerstes Stück Wassermelone verdrücken) Vielleicht gehört das halt zu Dubai auch einfach dazu, Luxus pur, soviel wie es nur geht. Passend der Werbespruch eines Bauunternehmens: "It's not all you need, it's all you want"

Unseren Kurzurlaub in Dubai verbringen wir so bei lieben Leuten, und machen eigentlich nicht viel mehr, ausser Shoppen, Baden im Meer, Relaxen und einen kleinen Abstecher in die Dünen, wo wir es allerdings aufgrund der Hitze und des glühend heissen Sandes nicht lange aushalten!

Wir besuchen auch den lokalen Kamelmarkt in Al Ain. Und werden dort bald zur grösseren Attraktion, als es die Kamele sind. Kaum aus dem Auto gestiegen sind wir schon umringt von den arabischen Kamelhändlern, die uns am Arm packen und zu ihren Kamelen zerren. Wir müssen mit ihnen für Fotos posieren. Wohlgemerkt nicht für unsere Kameras! Schnell zücken sie auch ihre Handys um Fotos mit uns zu knipsen. Es wird ganz schön eng im Kamelgehege, umringt von Arabern und Kamelen. Wir haben jedenfalls unseren Spass, aber sind doch froh, Yasin und Taher dabei zu haben. Sonst wären wir so schnell nicht wieder da weg gekommen!

Al Ain befindet sich an der Grenze zum Sultanat Oman, und so machen wir mit Amin, nach der Rückfahrt von Dubai nach Al Ain auch einmal einen spontanen, mitternächtlichen Ausflug ins Nachbarland. Die Staatsgrenze teilt die Stadt. Auf der omanischen Seite heisst die Grenzstadt Al Buraimi. Die Grenze ist durch einen hohen Zaun markiert der mit Stacheldraht-Rollen verstärkt ist. Kilometerlang erstreckt sich der Zaun der Grenze entlang. Und ich dachte immer, die Amis sind die einzigen Spinner, die sowas machen... Nach dem Grenzposten ändert sich auch gleich das Bild, resp. das Fahrgefühl. Eben noch auf perfekt asphaltierten Strassen unterwegs geht es nun auf einer holprigen Piste weiter. Überhaupt sei Oman ein armes Land, zumindest wenn man es mit den Emiraten vergleicht. Das bringt Vorteile für die Bewohner Al Ains mit sich, denn hier floriert auch der Schwarzmarkt für piratierte Software und auch sonst ist einiges günstiger zu haben hier, als drüben.
Dem Zaun nach zu urteilen gibt es wohl auch viele Leute, die versuchen illegal in die UAE einzureisen...
Wir besichtigen in Al Buraimi eine schöne Moschee, bevor wir zurück nach Al Ain fahren und ins Bett fallen.

Hospitality Club bedeutet aber nicht nur gratis Unterkunft, gratis herumchauffiert werden oder zum essen eingeladen werden, es bedeutet auch ein echter kultureller Austausch inklusive der damit verbundenen Diskussionen über kulturelle Unterschiede.
Sofia wartet darauf, dass ihre Brüder oder ihre Mutter einen zukünftigen Ehemann für sie findet. Leider, so findet sie, ist sie zu dick. Um heiraten zu können müsse man schön schlank sein, so wie z.B. ich. Was Annia mache, um abzunehmen, war eine der ersten Fragen die sie uns gestellt hatte als wir das Haus betreten. Als Annia später erklärt, sie hätte noch nie Probleme gehabt einen Mann zu finden ist Sofia erstaunt. Denn: Annia ist nicht verheiratet und hat doch schon Männer gehabt? Unverständlich.
"Dann könnt ihr also mit einem Mann zusammen sein und ihn nachher einfach wegwerfen und einen neuen nehmen wenn ihr wollt?" Gleichzeitig ist Sofia fasziniert, wie auch schockiert, über unsere Kultur. Als wir Sofia sagen, in der Schweiz fände Sie bestimmt schnell einen Mann (denn sie ist wirklich sehr hübsch!) meint sie: "...aber meint der es dann auch ernst? Wenn er eine neue sieht kann er ja einfach gehen..."
Auch mit Taher unterhalten wir uns über Heirat. In der Schweiz gäbe es nur Love Marriages und keine Arranged Marriage, erzählen wir. Er hätte gehört, man könne auch zusammen leben, ohne verheiratet zu sein. Stimmt. Und so diskutieren wir auch über registrierte Partnerschaften unter Homosexuellen. Ein heikles Thema. Doch wir akzeptieren seine Meinung genau so, wie er die unsere akzeptiert.

Wir hatten hier ja selbst zuerst einmal zu erklären dass wir zwei nicht auch homosexuell sind. Es ist ja schon verdächtig, als Frauen gemeinsam zu zweit und ohne männliche Begleitung zu reisen. Als wir dann auch noch bemerken wir könnten problemlos auch ein Bett teilen, wir hätten auch schon in kleineren Betten gemeinsam geschlafen war für sie der Fall klar dass wir lesbisch sein müssen! Tja, andere Länder andere Sitten. Die männlichen Araber spazieren hier dafür händchenhaltend durch die Strassen - was für sie bloss Ausdruck von Freundschaft ist.

Und a propos Homos. Homos (sprich Humus) wird hier zur Leibspeise von Annia: Kichererbsenpaste. Scheckt ganz hervorragend zu unserem Standardessen: Shish Tabuk, Fattouch und Tabouleh.

Als Abschied erhalten wir von Oma Stoff. Damit wir uns ein typisch pakistanisches Kleid nähen können. Wahrscheinlich, damit wir endlich auch mal was richtiges zum Anziehen haben!

Viel zu kurz war der Trip. "Minimum ten days, minimum ten days" - betont auch Taher immer wieder, braucht es für UAE. Er will sogar meine Chefin anrufen und mit ihr sprechen, damit ich länger bleiben kann....
Doch vielleicht gibt es ja wieder mal ein Agent Special. Oder wir lassen uns von Taher einladen. So meint er auf dem Weg zum Flughafen er hätte noch genug Meilen bei der Emirates...

Sonntag, 15. Juli 2007

Schokolade, Schwein und Strand (Santa Marta, Colombia)

Stellt Euch vor, ihr bekommt eine heisse Schokolade und da ihr gesagt habt, dass ihr Kaese moegt, wird der Kaese gleich IN der Schoko serviert. Ist zwar etwas ungewoehnlich, schmeckt aber gar nicht schlecht, da der Kaese hier ziemlich neutral (um nicht zu sagen fad) schmeckt. Und wenn wir es gerade von Kaese haben: eigentlich sind die Schweiz und Kolumbien ziemlich aehnlich. Darauf jedenfalls schliesst Andrés aus Filandia, der mir auf der Strasse einen leckeren Fruchtsalat verkauft hat (ja, natuerlich mit Kaese drauf!), als ich ihm erzaehle, dass es in der Schweiz viele Kuehe und Kaese gibt.

Die Schweiz aehnlich wie Kolumbien? Also ich weiss ja nicht... Stellt Euch vor, ihr esst statt Popcorn "Hormigas Culonas" (etwa: Grossarsch-Ameisen *g* - schmecken uebrigens - wie koennte es anders sein- nach Kaese... ) Oder stellt Euch z.B. mal vor, ihr geht zum Bahnschalter der SBB und verhandelt um den Fahrpreis. Bei den Bussen hier wird meistens ein Rabatt gewaehrt, denn schliesslich faehrt der Bus ja schon fast los, oder ihr wisst, dass die Konkurrenz etwas guenstiger faehrt, oder weil der Bus im Gegensatz keine Klimaanlage hat, oder ganz einfach weil ihr findet es sei zu teuer...


Wie bereits geschildert, sind die Busse hier die Koenige der Strasse. Bedenkt man zudem, dass hier in Lateinamerika die Kuehe, Ziegen, Schafe, Huehner, Schweine etc. nicht nur auf eingezaeumten Wiesen weiden, sondern sich auch gerne direkt am Strassenrand (oder auf der Strasse) tummeln, erstaunt es kaum, dass es ab und zu auch zu Unfaellen kommt...

Ich sitze also im Bus von Cartagena nach Santa Marta (fuer den ich natuerlich einen Rabatt gekriegt habe) und ein armes Schwein (im wahrsten Sinne des Wortes) kommt unter unsere Raeder. Erst merke ich gar nicht, was los ist, als der Busbegleiter aussteigt und der Fahrer den Rueckwaertsgang einlegt. Was dann passiert kommt mir sehr suspekt vor... Fahrer und Busbegleiter hieven das tote, blutende Vieh einfach ins Gepaeckfach des Busses. Waehrend der folgenden, etwa zweistuendigen Fahrt nach Barranquilla stelle ich mir vor, wie es im Gepaeckfach langsam nach Tod riechen muss und wie das Blut des Tierchens alles Gepaeck (auch mein Rucksack!!) verklebt... Immer wieder halten wir in den Doerfern an, das Schwein wird ausgeladen, weggetragen um kurz darauf dann wieder im Gepaeckfach verstaut zu werden. Es scheint sich einfach kein Abnehmer fuer die tote Sau zu finden...

Erst ab Barranquilla fahren wir schweinelos weiter. Mit zwei Stunden Verspaetung treffen wir in Santa Marta ein. (Verspaetung nicht (nur) wegen der Schweine-Aktion, auch weil wir in Barranquilla auf neue Passagiere warten mussten, damit der Bus voll weiterfahren kann, weil wir uns alle darueber schweinisch aufregen mussten und vom Fahrer im Bus eingeschlossen wurden weil wir uns sonst haetten wehren koennen und mit einem anderen Bus weitergereist waeren... aber das ist eine andere Geschichte... mein Rabatt war jedenfalls angesichts dieser Tatsache viel zu klein!)

In Santa Marta wartet Fernando auf mich. Ihn habe ich durch Couchsurfing in Bogota kennengelernt und da er sowieso geschaeftlich nach Barranquilla musste, nutzte er die Gelegenheit so ein paar Tage an den Straenden von Santa Marta zu relaxen. Etwas oestlich von Santa Marta befindet sich naemlich Tayrona – ein kleines Paradies auf Erden. Einfach herrlich um die Seele im Schatten der Palmen baumeln zu lassen. Und so verbringe ich die letzten Tage meiner Reise im Zelt und an einigen der wohl schoensten Straende der Welt. Natur und Bilderbuchkaribik pur. ...und rufte nicht die Arbeit, wer weiss wie lange ich da bleiben wuerde... Kokospalmen, Karibik, Kolumbien...

Dienstag, 10. Juli 2007

Bienvenido al Caribe! (Cartagena, Colombia)

Mein erster Eindruck von der Karibik Kolumbiens war erst einmal getruebt:

Kaum nahe des Zentrums von Cartagena aus dem Stadtbus ausgestiegen, naehert sich mir ein junger Mann. Er versucht mir meinen kleinen Rucksack zu entreissen. Da ich diesen jedoch am grossen angebunden habe und festklammere scheitert sein Versuch. Da ich im Bus eben noch Musik hoeren wollte (die jedoch von der lauten Vallenato Musik im Bus selber uebertont wurde) haengt immer noch mein MP3-Player um meinen Hals, zwischen meinem Bauch und dem kleinen Rucksack. Da er den Rucksack nicht kriegen kann, wird logischerweise der Player zum Ziel des Räubers. Ich versuche mich zu wehren, doch viel zu schnell laeuft er weg mit meinem MP3... Tja, Pech gehabt, denke ich schon... „Por dar papaya!“ – wie man in Kolumbien zu sagen pflegt - selber dumm, den Player nicht im Rucksack zu tragen!

„Hijuepuuuta, Ladrón, Malcriaaado, Policíiiia, Hijuepuuuta...“ schreie ich, waehrend ich versuche dem Typen hinterher zu rennen – wobei ich natuerlich beladen mit grossem und kleinem Rucksack jaemmerlich scheiteren muss... Der Junge verschwindet unter einer Bruecke, ebenfalls meine Hoffnung, den Player je wieder zu sehen... Ich hatte den MP3 also schon abgeschrieben (waere ja nicht das erste Mal, gell Uli!!) und wollte mich auf die Suche nach einem Hostal machen, doch da bin ich schon umringt von einer Horde Zeugen und Passanten. Was passiert sei, wo er hin gerannt sei, was geklaut wurde etc wollen sie wissen. Kurz darauf faehrt ein Pick-Up voller Militaers vorbei, der von einem der Maenner gestoppt wird. Aus dem Laster steigt nun eine Horde Soldaten (sicher 10 – 15 Maenner), diese zuecken ihre Waffen und nachdem ein Zeuge unter die Bruecke zeigt verschwinden sie einer nach dem anderen darunter. Ploetzlich heisst es nun, es wurde mir nicht nur der MP3 geklaut, sondern auch noch die Kamera und mein Pass und ich sei mit einem Messer bedroht worden. Immer wieder muss ich den Militaers und den spaeter dazu gestossenen Polizisten erklaeren, dass es nur ein kleiner MP3 Player war, dass es sich nur um einen Entreissdiebstahl handelt und mich der Mann in keiner Weise bedroht hatte. Es ist echt unglaublich, wie schnell die Leute Geschichten erfinden... Ich finde die Situation ausserst skurril, eine halbe Armee wegen einem MP3-Player!!!

Es dauert keine fuenfzehn Minuten, da pfeifen mich die Polizisten auch schon zu sich, hinter die Bruecke. Da hockt er auf dem Boden im schwarzen T-Shirt, im Dreck, voller Staub und am Kopf stark blutend, der Mann, welcher alles leugnet, von nichts wissen will, jedoch von allen Zeugen klar identifiziert wird (obwohl er eben noch ein blaues T-Shirt getragen hat...)

Die Passanten werden weg geschickt, und zusammen mit zwei Zeugen, zwei Polizisten und dem in Handschellen gelegten Taeter trotte ich in Richtung Stadtpark, wo sich anscheinend die naechste Polizeistation befindet. Der Taeter wird in einer Ecke des Postens angekettet und muss auf dem Boden hocken, waehrend ihn die Beamten beschimpfen... Lange geschieht ausserdem gar nichts, und ich beobachte die Aeffchen, welche in den Baumen des Parks herumturnen.

Ich warte und warte, und weiss eigentlich gar nicht worauf, bis mit einer der Beamten froh erzaehlt, man haette meinen MP3 gefunden. Zehn Minuten spaeter kommt dann auch ein Polizist angefahren und uebergibt mir stolz meinen Player. „Wie die Huehner mussten wir im Sand unter der Bruecke scharren...“ – meint er grinsend. Ich kann es kaum glauben!! Eine halbe Armee und ein paar Polizisten haben meinen Player davor gerettet, auf dem Schwarzmarkt zu landen! :^)

Obwohl es viele nicht verstehen, denen ich den Vorfall erzaehlt habe, aber ich habe den Mann nicht angezeigt. Der knapp 22-jährige lebt unter der Bruecke und klaut wegen seiner Drogensucht. Er ist meiner Meinung nach nicht nur Taeter, sondern auch Opfer seiner Gesellschaft. Die Angst die er unter der Bruecke wohl ausstehen musste, als eine halbe Armee einmarschiert ist Strafe genug... ;^)

Freitag, 6. Juli 2007

Tengo la camisa blanca (San Gil, Colombia)

Juanes hat nicht mehr die "Camisa Negra" sondern die "Camisa Blanca". Eine neue Bedeutung bekommt sein Lied, wenn er singt "Volverte a ver":

(...) Porque sin ti mi vida yo no soy feliz
Porque sin ti mi vida no tiene raíz Ni una razón para vivir lo único que quiero es poder regresar Poder todas las balas esquivar y sobrevivir Tu amor es mi esperanza y tú mi munición Por eso regresar a ti es mi única misión (...)

Juanes singt im T-Shirt mit der Aufschrift "Tengo la camisa blanca - por la paz en Colombia" Am 18 Juni hat die FARC 11 Diputados (Abgeordnete) aus dem Valle del Cauca, genau 5 Jahre nachdem sie sie entfuehrt hat, ermordet. Seither protestiert Kolumbien. Gegen die Entfuehrungen, gegen die Gewalt, fuer den Frieden. Zu hundert Tausenden sind sie auf der Strasse, in Bogota, Medellin, Cali, Bucaramanga, Barranquilla... im ganzen Land. Alle schwingen sie weisse Fahnen, halten Fotos Verschwundener oder brennende Kerzen in den Haenden, und Juanes singt...

Auch in Villa de Leyva wird protestiert. Durch die Strassen faehrt ein Auto mit Lautsprecher: "No queremos mas secuestrados. Paz para Colombia" - und an der Kirche haengt ein weisses Banner mit der Aufschrift "Jesus - nunca mas" und den Namen einiger der 4200 Entfuehrten...


Das Banner ist das einzig weisse am Hauptplatz von Villa de Leyva. Obwohl auf allen Postkarten und Fotos das Kolonialstaedtchen weiss strahlt, sieht das Zentrum momentan sehr bunt aus. Gelb die Kirche, blau, rot, gruen und braun die anliegenden Hauser. Was ist nur passiert? ... Tja, in Kolumbien scheinen Telenovelas sehr wichtig zu sein. So wichtig gar, dass man dafuer ein ganzes Dorf veraendert! Fuer die Telenovela "El Zorro" wurde Villa de Leyva bunt gefaerbt. Dies bleibt so bis im kommenden November, dann ist fertig gefilmt und Villa de Leyva wird wieder weiss gestrichen... Ob bis dann auch weisse Friedenstauben durchs Land streichen? ...

Dienstag, 3. Juli 2007

Eindrücke aus Bogota (Bogota, Colombia)

Jeden Sonntag nehmen tausende Menschen die Stadt per Fahrrad ein. Über 120 Kilometer der Hauptverkehrsadern der Stadt bleiben an diesem Tag mehrere Stunden für Autos gesperrt. Dies ist der Tag der Ciclovia. Es wäre nicht Lateinamerika, wenn dies nicht zu einem grossen Volksfest würde. Die Menschen sind unterwegs per Zwei-, oder Dreirad, Inlines oder sonstigem fahrbaren Untersatz. Imbissbuden säumen die Strasse, alle sind fröhlich, lachen, geniessen nach der Velotour die Grünflächen entlang der Strecke. Es wird gequatscht, gesonnt, gepicknickt und geküsst. Ich bin in Bogota gelandet und es ist unheimlich friedlich.

Streifzug durch Bogota. An einer Ecke die Smaragdverkäufer, auf dem Platz vor dem Goldmuseum der Hippiemarkt. Das Goldmuseum soll eines der besten ganz Lateinamerikas sein, zumindest eines der bestbewachten. Die sagenumwobenen präkolumbinischen Goldschätze lagern hier hinter dicken Panzertüren und gesicherten Vitrinen. Auf drei Stockwerken sind die fein gearbeiteten Schätze zu bewundern. Noch viel mehr der Stücke landeten leider nicht hier, sondern als Goldbarren in Spanien. Eingeschmolzen und ins Vaterland verschifft von den goldsüchtigen Kolonialisten.

Auf der Strasse bittet mich ein Bettler um Geld, das ich ihm negiere. Darauf hin bekomme ich seine Lebensgeschichte zu hören. Vertrieben wurde er, aus seinem ehemaligen Wohnort, von den Grossfirmen und ihrer „Selbstverteidigungsarmee“, den Paramilitärs. Einer der zig-tausend internen Flüchtlingen, die in der Hauptstadt ein neues Leben suchen. Und nicht finden. Was mich stutzen lässt, seine folgende Aussage: „Das hier ist nicht das Paradies, wir leben nicht in der Schweiz“ Er kann nicht wissen, dass ich Schweizerin bin. Er erreicht was er wollte und ich gebe ihm ein paar Pesos, für seine traurige Geschichte.

Ist die Schweiz wirklich das Paradies? Und – geht es uns vielleicht so gut, da es den Leuten hier schlechter geht? Dunkle Gedanken trüben den Tag. Immerhin gehören auch die Schweizer Unternehmen Nestlé und Glencore zu den Firmen hier, die erwiesenermassen im Namen der Gewinnoptimierung mit Hilfe der Paramilitärs ihre Gewerkschaften unterdrücken. Unbegründete Entlassungen, Vertreibungen, Einschüchterungen, Mord...

Kolumbien ist ein intensives Land.

Anschliessend Aufstieg zum Monserrate, Bogotas Hausberg. Nicht unanstrengend, schliesslich geht es von 2'500 auf 3'000 Meter. Entlang des Pilgerweges zum Gipfel ist die Unterhaltungsindustrie präsent. Man fühlt sich wie auf einem Jahrmarkt. Verkäufer mit Lotterielosen, ein improvisierter Schiessstand, Verkäufer von Kruzifixen und Marienbildchen, kleine Buden, wo man vom Süssgetränk zu Hormigas Culonas („Grossarschameisen“ – eine kolumbianische Alternative zu Popcorn) alles kaufen kann. Doch am erfolgreichsten scheint der Mann, der Stromstösse verkauft. Vor ihm scharrt sich die Horde. Der Spieler nimmt ein Metallstücke in jede Hand, während der Stromverkäufer per Kurbel die Dosis erhöht. 60, 65, 70... zählt laut der Verkäufer mit. Erst kribbelt es wohl, bis es weh tut. Kurz vor 80 lassen sie alle los, und verlieren somit den gesetzten Einsatz. Nur einer gewinnt. Der Alte grinst verschmitzt. Ich vermute, ein Komplize des Verkäufers, ohne Stromspannung. Ich liebe originelle Methoden zur Geldbeschaffung, und die Naivität der Leute.

Daneben die Pilger, die in Dank an die Wundersame schwarze Jungfrau von Monserrate barfuss, oder auf den Knien den Berg hoch steigen. Eineinhalb Stunden, bis die Knie bluten.

Herrliche Aussicht von oben. Bogota ist mit über 7 Millionen Einwohner die grösste Stadt in den Anden. Das sind so viele Einwohner, wie die ganze Schweiz. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass die Zahl wohl stimmt. Im Norden (die Reichen), gen Süden (die Armen), gen Westen - überall Stadt, bis zum Horizont. Doch Blick in den Osten: grüne Täler und Berge. Kolumbien ist voller Gegensätze.